Kommunikations-Wanderzirkus auf Reisen: Einmal im Jahr zieht die dpa-PR-Tochter newsaktuell mit ihrer Veranstaltungsreihe mediacoffee durch Deutschland. Nach Hamburg und Franfurt war München am Montagabend die dritte Station. “Kommunikation 2020 - Aufbruch in ein neues Informationszeitalter?” war das Thema des Abends - zumindest auf dem Papier. Wirklich diskutiert wurde es kaum, aber dazu später mehr.
Auf dem Podium saßen Focus-Online-Chef Jochen Wegner, Trendforscher Peter Wippermann, Yahoo-Deutschland-Chef Terry von Bibra und Helmut Freiherr von Fircks, Geschäftsführer der PR-Gruppe F&H Public Relations. Die Moderation hatte der Münchner Kommunikationsberater Klaus Eck. Eine Twitterwall auf der Bühne zeigte alle aktuellen Tweets mit dem Hashtag #mediacoffee an. Dort konnte man schon vor Beginn der Diskussion lesen, dass Peter Wippermann im Kino und auf Podien, die Idealbesetzung für den verrückten, zerknautschten Professor wäre, dass es sichtbar um New Media geht, weil nur eine Krawatte auf dem Podium sitzt und dass die Businesskasper-Quote im Publikum bei 70 Prozent liegt.
Etwa ein Drittel der Zuschauer ist bei Twitter selber aktiv, wie eine Publikumsumfrage per Handzeichen ergab, etliche twitterten auch direkt von der Veranstaltung und gaben Feedback und Kommentare zu dem, was auf dem Podium diskutiert wurde. Leider hatte die Twitterwall einen kleinen, aber entscheidenden Konstruktionsfehler: Sie stand hinter den Podiumsteilnehmern, so dass diese die Kommentare nicht oder nur mit Nackenverrenkungen sehen konnten.
Dadurch fanden im Prinzip zwei Diskussion nebeneinander statt: Die eine auf dem Podium, die via Twitter kommentiert wurde. An der zweiten Diskussion, die bei Twitter lief, beteiligten sich auch Leute, die physisch gar nicht anwesend waren, wie etwa Thomas Knüwer aus dem ICE gen Baden-Baden.
Kommunikation 2020 war das eigentliche Thema, doch los ging es zunächst mit Vergangenheitsbewältigung: Es ging um Second Life, die einst gehypete und inzwischen fast vergessene 3D-Welt im Internet. Peter Wippermann bestätigte, dass nach einem ersten Hype oft die Ernüchterung kommt und Jochen Wegner kommentierte, dass er Second Life schon damals schräg fand.
Mit dem iPad als nächsten Thema kam die Ernüchterung: Eine erneute Stimmungslage per Handzeichen im Publikum ergab, dass kaum einer bereits ein iPad hat oder vor hat, eins zu kaufen. Helmut von Fircks stempelte das iPad aufgrund seiner geringen Verbreitung daher als Nischenprodukt ab, dem man nicht zu viel Diskussionszeit einräumen sollte. Widerspruch erntete er von Focus-Online-Chef Jochen Wegner, der zugab: “Das iPad elektrisiert mich.” Dadurch kann Online-Journalismus sein Image als “Zweiter-Klasse-Journalismus, der ein bisschen hässlich” ist, ablegen - dank iPad werden digitale Inhalte erstmals hochwertig, so Wegner. Er selber habe seit dem iPad-Start schon mehrere hundert Euro für digitale Inhalte ausgegeben und lese das Technologie-Magazin Wired inzwischen viel lieber auf dem iPad - auch weil er sich dann nicht mit dem Aboservice herumschlagen muss. Allerdings, so Wegner, habe das Internet noch nicht den richtigen Weg gefunden, Inhalte anzubieten. Alles ist noch eine Spielwiese” - die tatsächlichen Nutzungsmöglichkeiten des iPads sind erst in 2 Jahren absehbar. Der Aussage von Moderator Klaus Eck, dass iPad sei barrierefrei und ermögliche auch Senioren ohne Computerkenntnisse den Zugang zu digitalen Inhalten, widersprach Trendforscher Peter Wippermann: Erst einmal brauche man eine Menge Geld, um ein iPad zu kaufen, das sei schon eine hohe Barriere. Außerdem seien 80-Jährige nicht mit der Spreizung von Fingern groß geworden (um auf dem iPad zu Zoomen und Objekte zu verschieben), sondern mit dem ABC.
Eine merkwürdige Situation, weil das Podium, die Twitterwall im Rücken, das Lachen zunächst nicht zuordnen konnte. Erst ein Blick nach hinten brachte Erhellung und rief dann auch bei Helmut Freiherr von Fircks ein Schmunzeln hervor.
Außerdem verriet Wippermann, dass die Mitarbeiter eines kleinen deutschen Automobilherstellers aus Wolfsburg Social Media nicht im Arbeitsalltag nutzen dürfen - und zwar in der Trendforschungsabteilung. Und Yahoo-Mann Terry von Bibra berichtete, dass für seinen 16-jährigen Sohn Freunde, die bei Facebook gerade nicht online sind, für Verabredungen nicht in Frage kommen - ein Telefonanruf zur Kontaktaufnahme sei jedenfalls keine Option mehr.
Noch einmal zu Erinnerung: Das Thema der Diskussion war eigentlich “Kommunikation 2020″. Als das Podium auch nach einer Stunde über das Jahr 2010 nicht sehr weit hinausgekommen war, macht sich der Unmut auf der Twitterwall breit, erste Zuhörer verließen den Saal und per Tweet kam der Aufruf: “Wer denkt, dass wir immer noch nicht ganz beim Thema sind, steht mal kurz auf”, was erneut für Gelächter im Publikum und Nackenverrenkungen auf dem Podium sorgte. Daraufhin kam aus dem Publikum ein Zwischenruf, man möge doch mal zum Thema kommen, worauf Jochen Wegner fragte: “Was war doch gleich das Thema”.
Einen kurzen Blick in die Glaskugel, gab es dann zum Abschluss tatsächlich: Was 2020 kommt? Jochen Wegner erklärte, froh zu sein, heute die nächsten drei Jahre im Blick zu haben. Im “Medienurwald mit Baumriesen” werden sich wohl die ganz großen Anbieter und kleine Nischen-Medien durchsetzen, in Gefahr sehe er jedoch den medialen Mittelbau, so Wegner. Terry von Bibra tat sich etwas schwer zu erklären, warum man Yahoo 2020 noch braucht - das erschließt sich mir schon heute nicht mehr. Jedenfalls sieht er großes Potenzial in lokalen Angeboten und erklärte, schon heute seien 30 Prozent aller Suchanfragen bei Yahoo location based. Für die Zukunft wünscht er sich, dass 90 Prozent der täglichen E-Mails sich von alleine beantworten und man sich den restlichen zehn Prozent dann mit Spaß zuwenden kann. Jochen Wegner hofft auf Geräte, die lernen, was ich von ihnen will und Trendforscher Peter Wippermann erklärte zur Zukunft: “Die Zukunft ist eigentlich hier, aber wir verdrängen sie die ganze Zeit”.
Das Team von newsaktuell hat auch ein Video gedreht, in dem die Podiumsteilnehmer einige ihrer Thesen noch einmal wiederholen :