Die vertane Chance von thefrozentruth.com

Am Sonntag habe ich mir im Kino den Film Wall Street – Geld schläft nicht angeschaut. Ein durchaus sehenswerter Film, auch wenn er sich mit 134 Minuten etwas in die Länge zieht und auch eine halbe Stunde kürzer hätte sein können. Aber um den Film selber soll es hier gar nicht gehen, sondern um einen Nebenaspekt:

Plakat Wall Street - Geld schläft nichtWinnie Gekko, die Tochter des Protagonisten Gordon Gekko, gleichzeitig Freundin des zweiten Protagonisten, des jungen Wallstreet-Brokers Jake Moore, arbeitet für ein fiktives, linksliberales Blog namens “The Frozen Truth”. Schon während des Films dachte ich mir: “Das muss ich zu Haue mal googlen”. Doch das war gar nicht nötig. Nachdem “The Frozen Truth” im Film windige Leerverkäufe und Privatgeschäfte einer konkurrierenden Investmentbank aufdeckt, verbreitet sich diese Nachricht an der Wall Street wie ein Lauffeuer. In einer Szene des Film ist eine Instant-Messaging-Nachricht zu sehen, in der es heißt

“Check this out … http://www.thefrozentruth.com”

Die Szene ist nicht lang, die Nachricht ist aber groß und deutlich genug, dass man sie wahrnimmt und dazu verleitet ist, zu Hause nachzuschauen, ob es diese Website tatsächlich gibt.

Was könnte wohl dahinter stecken? Immerhin ist die Handlung des Films eine fiktive Geschichte und das Blog “The Frozen Truth” ein Teil davon.

Die Domain www.thefrozentruth.com gibt es wirklich. Registriert laut whois.com seit August 2009 auf:
“Intellectual Property Department (TCFFC), Twentieth Century Fox Film Corporation, Beverly Hills, USA”

Twentieth Century Fox ist der Produzent und Verleiher des Films. Da hat also jemand rechtzeitig daran gedacht, dass womöglich Zuschauer auf die Idee kommen könnten, die Adresse aus dem Film aus Neugier im Internet einzugeben. Bevor Domaingrabber sich die Adresse unter den Nagel reißen, hat man sie selber registriert. So weit, so gut.

Was könnte man nun mit einer solchen Domain machen, von der man erwarten kann, dass etliche Zuschauer die Seite nach dem Film aus Neugier ansteuern?

1.) Man könnte schlicht und einfach auf die Website des Films weiterleiten. Nicht sonderlich kreativ, aber besser als gar nichts.

2.) Man könnte auch auf eine Seite weiterleiten, auf der Fragen zum Film zu beantworten sind. Womöglich verbunden mit einem Gewinnspiel als zusätzlicher Anreiz. Entweder Fragen zur Handlung oder die Frage, wie der Film gefallen hat. Wer die Adresse manuell eintippt (und nicht etwa über Links darauf stößt), hat den Film ja zuvor gesehen.

3.) Man könnte die Seite als Eingang zu Eastereggs zum Film nutzen: Da könnten sich z.B. Outtakes, exklusive Interviews oder Downloads finden – quasi als Belohnung für die Neugier, die Seite anzusteuern.

4.) Man hätte auch die Website aus dem Film nachbauen und – gekennzeichnet als fiktives Blog – den Bericht über o.g. Leerverkäufe dort veröffentlichen können. Im Film sieht man bei “The Frozen Truth” auch kurz einen Bericht über ein fiktives Forschungsprojekt, das an der Energiegewinnung durch Strahlenfusion arbeitet. In einer Szene des Films, als eine chinesische Delegation als Investor dafür gewonnen werden soll, wird das Verfahren mittels Animation erläutert. Auch diese Animation hätte dort Platz gefunden. Weitere themenverwandte Geschichten hätte man drumherum stricken können. Wie sich eine fiktionale Geschichte in die Realität verlängern lässt, zeigt ab November etwa der SWR mit der crossmedialen Miniserie Alpha 0.7, auf deren Website etwa auf die echte Homepage der fiktiven Firma Protecta Society verlinkt wird oder auf das private Blog der Protagonisten mit Einträgen aus dem Jahr 2017.

5.) Man hätte die Website auch nutzen können, um in einer Art Lexikon über die Hintergründe des Geschehens an der Wall Street zu informieren.

6.) Man hätte auch einer echten Nonprofit-Organisation die Chance geben können, unter thefrozentruth.com ein echtes Blog zu betreiben, das inhaltlich das macht, was die Redaktion im Film tut: über Missstände aufklären. Schließlich macht Regisseur Oliver Stone seine Filme nicht ohne politische Motivation (siehe Interviews bei SPON, SZ oder FR).

Hätte, könnte, würde – es gäbe viele Möglichkeiten, die im Film prominent beworbene Website sinnvoll zu nutzen.

Und was macht Twentieth Century Fox mit thefrozentruth.com? Nichts! Die Adresse führt ins Leere.

Fehlermeldung thefrozentruth.com

Von allen Möglichkeiten, ist das sicher die Schlechteste.

Also, liebe Filmermacher, ob in Hollywood, Grünwald, Babelsberg oder wo auch immer: Wenn Ihr eine Website schon so prominent in einen Film einbindet und wenn ihr sogar die Domain registriert, dann nutzt sie doch auch! Überrascht Eure Zuschauer, die sich die Adresse nicht nur merken, sondern auch so viel Interesse an Eurem Werk haben, dass sie wissen wollen, was dahintersteckt, anstatt sie zu enttäuschen und ins digitale Nirgendwo zu schicken.

 


3 Kommentare


  1. Zu wahr leider!


  2. Ja interessante Überlegungen, habe genau die gleiche Filmsequenz genutzt, um zu sehen, ob es die website gibt.

    Herzliche Grüße
    Uwe


  3. PS: Film lief gestern Abend auf Pro7

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